Jüdische Gemeinde Mainstockheim
1933 lebten in Mainstockheim 79 bis 82 jüdische Bürgerinnen und Bürger. Die jüdische Gemeinde war im unterfränkischen Vergleich mittelgroß. Unter ihren jungen Erwachsenen gab es viel Fluktuation, weshalb sich der Wohnort im Jahr 1933 und damit die Anzahl jüdischer Bewohner:innen nicht immer sicher bestimmen lässt.
Bereits seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts konnten sich Juden unter dem Schutz der Ansbacher Markgrafen in Mainstockheim niederlassen. Auch die Freiherren von Bechtolsheim traten als Judenschutzherren in dem unter mehreren Herrschaften geteilten Ort auf. Ende des 17. Jahrhunderts waren es 18, 50 Jahre später 28 jüdische Familien, bevor nach der Vertreibung der Juden aus Kitzingen (1763) die Mainstockheimer Gemeinde noch einmal deutlich wuchs. 40 Haushalte mit etwa 170 Personen wurden 1817 in die Matrikelliste eingetragen. Noch bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Gemeinde auf 212 Mitglieder (1837) an, bevor sie infolge der Abwanderung zu schrumpfen begann. Hierzu trug die Wiedergründung einer jüdischen Gemeinde in Kitzingen nicht unerheblich bei. Im Jahr 1910 lebten nur noch 82 Jüdinnen und Juden im Ort. Ein Verzeichnis von 1930 weist 27 Haushalte und 14 Betriebe auf, von denen die Hälfte mit Weingroßhandel und Weinhandel zu tun hatte.
Zur Zeit ihrer größten Blüte ließ sich die Gemeinde eine neue Synagoge errichten, die 1836 eingeweiht wurde. In ihr befand sich neben den Gemeinderäumlichkeiten auch das Ritualbad und die Elementarschule. Eine Schule bestand bereits seit 1805. Knapp zehn Jahre führte der gelehrte Abraham Hirsch ab 1866 auch eine private Erziehungs- und Unterrichts-Anstalt für Knaben mit angeschlossenem Internat. Sie richtete sich mit ihrem Fächerkanon als Präparandenschule besonders an ein traditionell-jüdisches, gesetzestreues Publikum. 1874 wurde sie nach Burgpreppach verlegt. Die Kultusgemeinde war traditionell eingestellt, mehrere Vereine und Gesellschaften unterstützten die Menschen darin, ein frommes Leben zu führen.
In der NS-Zeit nahm der Antisemitismus sprunghaft zu, doch zunächst konnten sich mit Ausnahme einer siebenköpfigen Familie, die 1934 – vermutlich nach Palästina – auswanderte, niemand zur Emigration entschließen. Auch Umzüge innerhalb Deutschlands kamen nur wenige vor (11). Neun Menschen verstarben zwischen 1933 und 1942.
Erst 1938/39 änderten sich die Reaktionen der Mainstockheimer Juden auf die Repressionen, auf Verfolgung und Wirtschaftsboykotte deutlich. In diesen beiden Jahren und bis Anfang 1940 verließen weitere 34 Personen Deutschland, um meist direkt von Mainstockheim ins Ausland zu fliehen: in die USA (18), nach Argentinien (6), Australien (2), Großbritannien (1), Kuba (1), Frankreich/Großbritannien (1), in die nicht sicheren Niederlande (1) und nach Belgien (2) sowie zu unbekannten Zielen (2). Von vier Jugendlichen, die nach Belgien geflohen waren, mussten drei nach der deutschen Besetzung des Landes 1940 nach Mainstockheim zurückkehren. Zwei von ihnen konnten danach mit ihren Familien emigrieren, eine wurde deportiert. Der vierte schaffte über Frankreich letztlich allein den Weg in die USA. (Sie sind in den genannten Zahlen enthalten.) Drei weitere, meist junge und unverheiratete Menschen konnten in die USA emigrieren, von denen nicht sicher ist, ob sie 1933 in Mainstockheim gewohnt hatten. Sie stammten aus Mainstockheimer Familien. Insgesamt konnten also 39 – 42 Menschen aus Mainstockheim die Shoa durch ihre Emigration überleben.
Den Novemberpogrom von 1938 kann man in diesem Kontext weniger als Auslöser, denn als Bestärkung der Fluchtbewegung sehen. Er lief nicht ganz so brutal wie anderswo ab, weil der Bürgermeister die Brandstiftung der Synagoge und ihre Verwüstung unterband. Auch Überfälle auf die Wohnungen und Häuser der Juden konnte er verhindern. Gleichwohl wurde das kostbare Synagogeninventar gestohlen, konfisziert und/oder verbrannt. Elf Personen wurden verhaftet und mit einer Ausnahme nach Dachau gebracht – dort aber, ebenfalls auf Druck des Bürgermeisters, nach wenigen Tagen wieder entlassen.
27 jüdische Bürgerinnen und Bürger, die 1933 in Mainstockheim gelebt hatten, wurden aus Unterfranken deportiert. (Die Namen, die auf der DenkOrt-Seite genannt werden, weichen in einigen Fällen von den hier neu ermittelten ab.) Mindestens weitere zwei Personen ereilte das Schicksal an ihren neuen Wohnorten in Deutschland und eine Frau in den Niederlanden. Ein Mann starb als Folge seiner Verhaftung im November 1938. Insgesamt hat Mainstockheim damit 31 Opfer der Shoa zu beklagen, darunter sechs Kinder und Jugendliche. Über diese Opfer hinaus wurden elf Personen deportiert, die nach 1933 – meist zu Verwandten – nach Mainstockheim zugezogen waren, darunter drei Kinder und Jugendliche. Eine ebenfalls zugezogene Frau beging möglicherweise vor der Deportation im März 1942 Suizid. Niemand überlebte die Deportationen.
Mainstockheim beteiligt sich mit zwei Koffern am Projekt „DenkOrt Deportationen“. Der lokale Koffer in Mainstockheim erinnert an die deportierten Jüdinnen und Juden des Ortes. Ein zweites Gepäckstück steht in Würzburg und bildet zusammen mit denen anderer Kommunen den “DenkOrt Deportationen” vor dem Hauptbahnhof. Siehe Grundinformationen zu den jüdischen Gemeinden und zum “DenkOrt”.
Informationen zum Standort des Koffers in Mainstockheim folgen zu gegebener Zeit.
Ausführlichere Informationen zur jüdischen Gemeinde Mainstockheim
Quellen zu den Gemeindeartikeln
© Recherche und Text: Rotraud Ries, 2026; mit Unterstützung von Elisabeth Böhrer
Shoaopfer, die 1933 in Mainstockheim gelebt hatten
Friedrich Feldhahn (1872 – 1942)
Ida Friedmann, geb. Kissinger (1888 – 1942)
Lilly Friedmann (1920 – 1942)
Siegbert Friedmann (1880 – 1942)
Clara Kahn, geb. Stern (1885 – 1942)
Karoline Lärmer, geb. Liebenstein (1884 – 1942)
Lippmann Lärmer (1883 – 1942)
Joseph Lomnitz (1874 – 1942)
Sophie Lomnitz, geb. Kahn (1875 – 1943)
Ilse Luber, geb. Zimmermann (1906 – 1942)
Rudolf Luber (1899 – 1942)
Herbert Rindsberg (1926 – 1942)
Kurt Rindsberg (1928 – 1942)
Rika Rindsberg, geb. Rindsberg (1893 – 1942)
Siegfried Rindsberg (1891 – 1942)
Antonie Rothstein (1900 – 1942)
Heinrich Rothstein (1872 – 1942)
Jette Rothstein, geb. Stern (1872 – 1942)
Rudolf Rothstein (1869 – 1943)
Siegfried Rothstein (1908 – 1942)
Babette Schornstein (1926 – 1942)
Emilie Schornstein, geb. Silber (1886 – 1942)
Hermann Schornstein (1894 – 1942)
Justin Schornstein (1923 – 1942)
Frieda Simon, geb. Oppenheimer (1892 – 1942)
Julius Simon (1887 – 1942)
Paula Margot Simon (1927 – 1942)
Siegbert Simon (1930 – 1942)
Eduard Sonder (1868 – 1942)
Jette Sonder, geb. Lichtenstädter (1868 – 1942)
Salomon Sonder (1876 – 1938)
Nach 1933 nach Mainstockheim zugezogene Opfer der Shoa
Alfred Heinz Adler (1922 – 1942)
Max Adler (1882 – 1942)
Meta Pauline Adler, geb. Liebenstein (1885 – 1942)
Helene Liberles, geb. Kahn (1868 – 1942)
Katharina Liebenstein (1888 – 1942)
Amalie Samuel (1906 – 1942)
Otto Oscher Schneider (1870 – 1944)
Else Stiefel, geb. Kahn (1910 – 1943)
Hanna Stiefel (1935 – 1943)
Judith Fany Stiefel (1937 – 1943)
Pauline Wolfrom, geb. Adler (1885 – 1942)