Jüdische Gemeinde Nordheim vor der Rhön

1933 lebten in Nordheim 24 jüdische Bürgerinnen und Bürger. Auch die jüdischen Bewohner:innen von Sondheim vor der Rhön gehörten zur Kultusgemeinde. Erste Nachrichten über jüdische Einwohner stammen aus dem 17. Jahrhundert: um 1660 konnte sich eine Familie ansiedeln, als der Ort als Ganerbendorf unter fünf Herrschaften stand. Auf dem Gelände des sog. Gelben Schlosses derer von der Tann entstand ein „Judenhof“ mit einem Betraum. 1699 sind vier Haushalte, 1731 fünf belegt. Um 1800 zählte man 17 Familien mit 64 Personen. Sie hatten eine Synagoge im Turm des alten Hauptgebäudes des Gelben Schlosses.

1817 wurden 14 jüdische Familien in die Matrikellisten des Königreichs Bayern aufgenommen, darunter vier Witwen. Unter den Tätigkeiten, mit denen die Nordheimer Juden ihren Lebensunterhalt verdienten, dominierten der Vieh-, Spezerei- und Pelzhandel. In den folgenden Jahrzehnten schwankte die Zahl der jüdischen Einwohner zwischen 92 (1839), 54 (1867) und noch einmal 80-90 Ende des Jahrhunderts. Seitdem sank ihre Anzahl deutlich, von 59 (1900) über 47 (1910) auf 32 im Jahr 1925.

Mitte des 19. Jahrhunderts erwarb die Gemeinde ein Wohnhaus, um darin eine neue Synagoge einzurichten. Gegen Ende des Jahrhunderts folgte der Erwerb eines Gebäudes für die gemeinsame Schule der Gemeinden Nordheim und Oberelsbach.

Schon kurz nach Beginn der NS-Herrschaft häuften sich antisemitische Übergriffe auf die Häuser der Juden (1934), Wirtschaftsboykotte beschnitten die Verdienstmöglichkeiten so stark, dass viele Familien verarmten. Es herrschte eine besonders feindselige Stimmung im Ort (1937). Auswärtige und Nordheimer SA-Leute und Einwohner verwüsteten im Novemberpogrom die Wohnungen der jüdischen Einwohner, zerstörten die Ritualien und demolierten endgültig das Innere der Synagoge, die sie bereits einen Monat zuvor bei einem ersten Überfall schwer beschädigt hatten.

16 Personen, also zwei Dritteln der jüdischen Gemeindemitglieder gelang es zwischen 1934 und 1940, in sichere Drittstaaten zu emigrieren. Dies könnte damit zu tun haben, dass sich viele schon recht zeitig zu einer Emigration entschlossen. Die meisten von ihnen flohen direkt aus Nordheim ins Ausland. 11 Personen zogen in die USA, vier nach Palästina und einer nach Argentinien. Zwei Frauen starben in Nordheim eines natürlichen Todes, wohingegen ein Mann den Novemberpogrom nicht überlebte, weil er bei dem brutalen Angriff auf sein Haus einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitt.

Die letzten fünf jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die 1933 in Nordheim gelebt hatten, wurden aus Unterfranken deportiert: drei Personen im April 1942 über Würzburg in den Raum Lublin im besetzten Polen und ein älteres Ehepaar im September 1942 ins Ghetto Theresienstadt. Sie hatten bereits im Mai Nordheim verlassen müssen und waren in ein Zwangsquartier in Würzburg eingewiesen worden. Nordheim hat damit sechs Opfer der Shoa zu beklagen, darunter ein Jugendlicher. Niemand der Deportierten überlebte.

Nordheim vor der Rhön beteiligt sich mit zwei mit Blumen bewachsenen Koffern am Projekt „DenkOrt Deportationen“. Der lokale Koffer erinnert an die deportierten Jüdinnen und Juden von Nordheim und Sondheim. Ein zweiter Koffer aus Nordheim steht in Würzburg und bildet zusammen mit denen anderer Kommunen den “DenkOrt Deportationen” vor dem Hauptbahnhof. Siehe Grundinformationen zu den jüdischen Gemeinden und zum “DenkOrt”.

Standort des DenkOrts in Nordheim vor der Rhön: am Bahnhof

Ausführlichere Informationen zur jüdischen Gemeinde Nordheim 
Quellen zu den Gemeindeartikeln

© Recherche und Text: Rotraud Ries, 2026; mit Unterstützung von Elisabeth Böhrer

 

Shoaopfer, die 1933 in Nordheim vor der Rhön gelebt hatten

Jette Adler, geb. Schön (1877 – 1944)
Julius Adler (1875 – 1942)
Alexander Schuster (1886 – 1942)
Emma Schuster, geb. Oppenheimer (1886 – 1942)
Gerhard Schuster (1925 – 1942)
Karl Schuster (1883 – 1938)