Jüdischer Wohnort Rödelsee
Zu Beginn der NS-Gewaltherrschaft im Jahr 1933 lebte in Rödelsee noch eine jüdische Familie mit vier Personen, die für den jüdischen Friedhof sorgte. Ein weiteres Kind starb 1937 kurz nach der Geburt. Die jüdische Gemeinde war 1907/08 wegen ihrer geringen Größe mit der in Großlangheim zusammengelegt worden. Ihre Wurzeln reichen weit zurück ins Mittelalter. Im 16. Jahrhundert entstand infolge der Vertreibung der Juden aus Städten und Territorien unter dem Schutz mehrerer Herren eine gut ausgebaute Gemeinde mit einem Rabbiner, einer Jeschiwa und knapp 20 jüdischen Familien. Der Friedhof am Schwanberg diente, und das schon seit dem 15. Jahrhundert, als Zentralfriedhof zur Bestattung der jüdischen Verstorbenen aus der ganzen Region. Schon nach wenigen Jahrzehnten hörte die Gemeinde auf zu bestehen – doch der Friedhof wurde bis zur Shoa weiter genutzt.
Nach den Verwüstungen des 30jährigen Krieges entstand gegen Ende des 17. Jahrhunderts erneut eine jüdische Siedlung mit Kultusgemeinde. 1699 zählte man sieben Haushalte unter drei Schutzherren, wenig später wurde eine Synagoge gebaut. Die Zahl der jüdischen Haushalte nahm in der Folgezeit bis auf 26 Familien (1740) stark zu. 1817 wurden mind. 22 Matrikelstellen besetzt – bei 25 Familien mit 107 Personen. Nach einem leichten Zuwachs in den folgenden Jahren auf 122 Personen, sank die Zahl der jüdischen Bewohner gegen Ende des 19. Jahrhunderts rapide auf 46 im Jahr 1900. Die neu gegründete Gemeinde in Kitzingen und andere Städte versprachen mehr Entwicklungsmöglichkeiten. Ein jüdisches Gemeindeleben gab es bald schon nicht mehr. Für Beerdigungen auf dem Friedhof und regelmäßige Versammlungen der Beerdigungsbruderschaft wurde jedoch der Ort und seine jüdische Infrastruktur weiter genutzt. Ein Friedhofsverwalter lebte mit seiner Familie vor Ort.
Er geriet schon im Herbst 1933 in den Fokus der NS-Verfolgungsbehörden. Wegen einer kritischen Bemerkung wurde er für mehr als zwei Jahre im KZ Dachau eingesperrt. Im November 1938 wurden er und seine Familie dann Zeugen, wie das Innere der Synagoge komplett verwüstet, Schriften und Textilien verbrannt und das Inventar als Brennholz verteilt wurde. Das Gebäude auf dem Friedhof wurde angezündet. Immerhin stellte sich der Bürgermeister schützend vor das Wohnhaus der Familie. Der Friedhofsverwalter wurde jedoch verprügelt, verhaftet und vom Gefängnis erneut ins KZ Dachau eingeliefert. Mit der Auflage, sofort zu emigrieren, wurde er im Februar entlassen. Doch das ließ sich nicht realisieren. Er floh mit Familie und Schwiegermutter schließlich 1940 nach Stuttgart.
Von dort wurde die Familie 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Zu diesem Zeitpunkt war die Großmutter bereits kurz nach ihrer Ankunft im Ghetto Theresienstadt gestorben. Rödelsee hat also vier Opfer der Shoa zu beklagen, darunter ein Jugendlicher.
Ein Koffer in Großlangheim erinnert an die deportierten Jüdinnen und Juden des Ortes wie auch an die aus Rödelsee. Ein zweiter Koffer steht in Würzburg und bildet zusammen mit denen anderer Kommunen den “DenkOrt” vor dem Hauptbahnhof. Siehe Grundinformationen zu den jüdischen Gemeinden und zum “DenkOrt”.
Standort des DenkOrts in Großlangheim: am Busplatz
Ausführlichere Informationen zur jüdischen Gemeinde Rödelsee
Quellen zu den Gemeindeartikeln
© Recherche und Text: Rotraud Ries, 2026
Shoaopfer, die 1933 in Rödelsee gelebt hatten
Hermann Löwenstein (1900 – 1943)
Ludwig Löwenstein (1928 – 1943)
Sophie Löwenstein, geb. Oppenheim (1896 – 1943)
Zilli Oppenheim, geb. Klein (1858 – 1942)