Jüdischer Wohnort Röllbach
In Röllbach lebten 1933 13 Jüdinnen und Juden. Ihre Kultusgemeinde war wegen geringer Größe etwa zehn Jahre zuvor aufgelöst worden. Die Entstehung der Gemeinde reicht bis mindestens ins 18. Jahrhundert zurück. 1817, als die Matrikelstellen vergeben wurden, gab es sechs Haushalte, die zu drei Familien gehörten. Die Berufe deuten auf wenig Wohlstand. In der kleinen Synagoge wurde auch der Religionsunterricht erteilt, die Mikwe befand sich ebenfalls darin. Das Gebäude wurde in den 1920er Jahren an die Kommune verkauft und ist erhalten.
Die Kultusgemeinde blieb, wie auch die in benachbarten Orten, immer klein und dürfte kaum einmal 30 Mitglieder überschritten haben. 1875 waren es 24, um 1924 noch 16. So konnte die Versorgung der Schulkinder mit Religionsunterricht nur durch die Kooperation mit anderen Gemeinden wie Eschau oder Klingenberg geregelt und finanziert werden.
Trotz systematischer Entrechtung, wirtschaftlicher Boykotte und wachsenden Verfolgungsdrucks ab 1933 verließen lediglich zwei junge Männer 1934 und 1937 ihre Heimat, um nach Palästina bzw. in die USA zu emigrieren. Ein sehr alter Mann starb eines natürlichen Todes. Der Novemberpogrom von 1938 traf die verbliebenen zehn Personen ins Mark. Zwar blieb die ehemalige Synagoge unbeschädigt. Doch die Geschäfte und Wohnungen der drei Familien wurden verwüstet und ihre Bewohner terrorisiert. Die Geschäfte mussten schließen, der Immobilienbesitz wurde geraubt. Wie in anderen Orten im Nordwesten des heutigen Unterfranken veranlasste der brutale Verfolgungsdruck zwei Familien, noch 1938 nach Frankfurt a.M. zu fliehen. Die dritte folgte im März 1939 und flüchtete nach Aschaffenburg. In Röllbach gab es seitdem keine Juden mehr.
Während einer dreiköpfigen jungen Familie 1940 noch die Flucht aus Frankfurt in die USA gelang, endete die Emigration des Sohnes der Aschaffenburger Familie tragisch. Seine Eltern hatten 1939 versucht, ihn nach Frankreich in Sicherheit zu bringen. Dort soll er von einer Organisation zur Rettung von Kindern in einem Kinderheim im Château Montintin betreut worden sein. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs 1940 wurde er im Sommer 1942 nordwestlich von Paris entdeckt und kam im August zu Tode. Die übrigen sechs Röllbacher Jüdinnen und Juden wurden von ihren neuen Wohnorten aus deportiert und mit einer Ausnahme ermordet, drei von ihnen aus Unterfranken. Zu letzteren gehört die Frau, die überlebte (und auf der DenkOrt-Seite unter Röllbach fehlt.) Somit sind für Röllbach sechs Opfer der Shoa zu beklagen, darunter ein Jugendlicher.
Zu welcher Kultusgemeinde die Röllbacher Jüdinnen und Juden 1933 gehörten, ist nicht bekannt. So kann der Ort derzeit im Projekt „DenkOrt Deportationen“ keiner Kultusgemeinde zugeordnet werden. In seinem Kontext entstand dieser Artikel. Ein lokales Gepäckstück erinnert jeweils an die deportierten Jüdinnen und Juden einer Kultusgemeinde. Ein zweites befindet sich in Würzburg und bildet mit den Gepäckstücken anderer Kommunen den “DenkOrt Deportationen” vor dem Hauptbahnhof. Siehe Grundinformationen zu den jüdischen Gemeinden und zum “DenkOrt”.
Ausführlichere Informationen zur jüdischen Gemeinde Röllbach
Quellen zu den Gemeindeartikeln
© Recherche und Text: Rotraud Ries, 2026; mit Unterstützung von Elisabeth Böhrer
Shoa-Opfer, die 1933 in Röllbach gelebt hatten
Selma Reiß/Reiss, geb. Oppenheimer (1886 – 1941/43)
Heinz Rosenstock (1925 – 1942)
Hugo Rosenstock (1897 – 1944)
Gustine Rosenstock, geb. Maier (1871 – 1942)
Dora Stein (1913 – 1941)
Rosa Stein, geb. Fried (1879 – 1941)
Überlebende der Deportationen
Lina Rosenstock, geb. Bacharach, verh. Wind (1902 – 2003)
Weitere Quellen
https://gw.geneanet.org/rostowa55?lang=de&p=heinz+sigard&n=rosenstock
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