Jüdische Gemeinde Unteraltertheim (heute ein Ortsteil von Altertheim)
1933 lebten in Unteraltertheim 34 jüdische Bürgerinnen und Bürger. Ihre Gemeinde wies zu dem Zeitpunkt bereits eine lange Geschichte auf. Denn bereits seit dem Ende des 17. Jahrhunderts sind jüdische Händler und dann auch Bewohner:innen in dem zur Grafschaft Castell gehörigen Ort bezeugt. 1731 waren es vier Haushalte, 1767 zählte man acht Haushalte. Um diese Zeit ist eine jüdische Gemeinde entstanden, zunächst wohl zusammen mit den Juden im nahen Oberaltertheim. Gegen Ende des Jahrhunderts bildeten die beiden Orte eigene Synagogenbezirke, unterhielten Synagogengebäude und einen Lehrer. Die Synagoge In Unteraltertheim brannte im großen Dorfbrand von 1838 ab und wurde an alter Stelle größer neu gebaut. Sie enthielt neben dem Betsaal ein Schulzimmer, die Lehrerwohnung und ein Ritualbad.
1815 zählte die Gemeinde 77 Personen. So wurden 1817 13 Haushalte in die Matrikelliste aufgenommen. Die meisten Juden waren im Vieh- und Warenhandel tätig, es gab einen Schlachter, einen Lederhändler und es wurde Kleinhandel betrieben. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der jüdischen Bürger bis auf 94 Personen an, bevor sie wenig später kontinuierlich wieder abnahm. Schon 1910 waren es nur noch 50 Personen.
Auch im 20. Jahrhundert dominierte in der jüdischen Gemeinde der Vieh- und Warenhandel, es gab eine Bäckerei sowie den Handel mit Stoffen. Wenig ist bekannt, wie der NS-Staat und seine Handlanger seit 1933 durch Verfolgungsmaßnahmen und Gesetze Jüdinnen und Juden unter Druck setzten, ihre Firmen und Geschäfte vernichteten und ihnen so die Lebensgrundlage entzogen.
Neun jüdische Bewohner:innen von Unteraltertheim emigrierten, je eine Person 1934 und 1937, die übrigen in den Jahren 1938 und 1939. Ziele waren die USA (4), Großbritannien (3) und Palästina (2). Vier Personen zogen innerhalb Deutschlands um, von denen zwei eines natürlichen Todes starben. Weitere vier Menschen verstarben in Unteraltertheim. Etwa die Hälfte der jüdischen Gemeinde blieb trotz aller Repressionen im Ort.
Im Novemberpogrom 1938 wurden Möbel und Ritualien in der Synagoge von SA-Leuten völlig zerstört, Silbergegenstände geraubt. Auch die Häuser und Geschäfte der Juden wurden verwüstet, die Maschinen in der Bäckerei zerschlagen. Ortsbewohner waren an diesen Aktionen beteiligt. Ein Bauer verhinderte unter Androhung von Waffengewalt den Überfall auf das Haus seines Nachbarn. Jüdische Männer wurden verhaftet, einer ins KZ Buchenwald eingeliefert. Wenig später musste die Gemeinde das Synagogengebäude unter Wert verkaufen. Die verbliebenen 19 jüdischen Bewohner:innen mussten im September 1939 ihre Häuser verlassen und alle in einem einzigen Haus zusammenziehen. Ein Mann wurde zur Einschüchterung verhaftet, den Bewohnern des „Judenhauses“ verboten, sich abgesehen von einer Stunde ab 7 h morgens in der Öffentlichkeit sehen zu lassen. Ziel war es, die jüdische Bevölkerung komplett zu isolieren.
16 jüdische Bürgerinnen und Bürger, die 1933 in Unteraltertheim gelebt hatten, wurden drei Jahre später von dort und aus Würzburg deportiert (eine Person fehlt in dieser Auflistung). Sie mussten alle im April 1942 den Transport in den Raum Lublin im besetzten Ostpolen besteigen. Eine junge Frau ereilte ein ähnliches Schicksal an ihrem neuen Wohnort in Berlin. Ein Jugendlicher beging aus Verzweiflung Suizid, dessen Vater bereits im KZ Mauthausen ermordet worden war. Unteraltertheim hat demnach 19 Opfer der Shoa zu beklagen, darunter ein Kind und drei Jugendliche. Niemand überlebte die Deportationen.
Unteraltertheim beteiligt sich mit zwei Koffern am Projekt „DenkOrt Deportationen“. Der lokale Koffer erinnert an die deportierten Jüdinnen und Juden des Ortes. Ein zweites Gepäckstück aus Unteraltertheim steht in Würzburg und bildet zusammen mit denen anderer Kommunen den “DenkOrt Deportationen” vor dem Hauptbahnhof. Siehe Grundinformationen zu den jüdischen Gemeinden und zum “DenkOrt”.
Informationen zum Standort des DenkOrts in Unteraltertheim folgen zu gegebener Zeit.
Ausführlichere Informationen zur jüdischen Gemeinde Unteraltertheim
Quellen zu den Gemeindeartikeln
© Recherche und Text: Rotraud Ries, 2026
Shoaopfer, die 1933 in Unteraltertheim gelebt hatten
Nathan Albrecht (1887 – 1942)
Sara Albrecht, geb. Bravmann (1887 – 1942)
Arthur Bravmann (1925 – 1942)
Bruno Berthold Bravmann (1923 – 1942)
Else Bravmann, geb. Goldner (1890 – 1942)
Frieda Bravmann (1882 – 1942)
Gitta Bravmann (1885 – 1942)
Ida Bravmann, geb. Löbenfried (1890 – 1942)
Inge Bravmann (1924 – 1942)
Isaak Bravmann (1881 – 1941)
Joseph Bravmann (1880 – 1942)
Karoline Bravmann (1876 – 1942)
Lub/Lulo Bravmann (1929 – 1942)
Regina Bravmann, geb. Heimann (1878 – 1942)
Rosa Bravmann, geb. Rosenbaum (1878 – 1942)
Simon Bravmann (1878 – 1942)
Simon Bravmann (1892 – 1942)
Gitta Freudenthal, geb. Bravmann (1876 – 1942)
Rita Moses, geb. Albrecht (1920 – 1943)